Rheinische Post "Auch ein Fahrfehler muss verziehen werden"

Erschienen: Rheinische Post, 20.04.26, Autor + Fotos: Cristina Segovia-Buendía

Verkehrssicherheit an der L 409 in Wermelskirchen

(v.l.) Mitarbeiter der Straßenmeisterei Burscheid, Mehrsi-Gründerin Monika Schwill, Meistereileiter Sascha Herder, und Christoph Baumert (Geschäftsführer Gütegemeinschaft Stahlschutzplanken) vor einem frisch angebrachten Unterschutzelement, das Leben retten kann.
Foto: Cristina Segovia-Buendía

Wermelskirchen · An zwei Kurven der L 409 bei Wermelskirchen-Hülsen werden Leitplanken nachgerüstet: Unterfahrschutzelemente sollen Motorrad- und Radfahrer vor schweren Verletzungen schützen. Möglich macht das eine Spende der Organisation „MehrSi“.

Dank finanzieller Unterstützung durch die gemeinnützige Organisation "MehrSi" hat die Straßenmeisterei Burscheid der Straßen.NRW Regionalniederlassung Rhein-Berg in dieser Woche an zwei Kurven entlang der L409 im Bereich Wermelskirchen-Hülsen bestehende Schutzplanken durch spezielle Unterfahrschutzelemente ergänzt. Diese können Motorrad- und Radfahrer bei Unfällen vor schlimmeren Verletzungen bewahren, indem sie verhindern, das die Zweiradfahrer unter der Leitplanke hindurchrutschen oder sich gar an einem der scharfen Pfosten zersägen.

Eigentlich eine sehr einleuchtende und sinnvolle Konstruktion, die allerdings nicht zum Standard gehört. Denn dafür, sagt Vereinsgründerin Monika Schwill, mittlerweile Geschäftsführerin ihrer gemeinnützigen Organisation, „fehlt den Motorradfahrern die Lobby“.

Was die Unterfahrschutzelemente so besonders macht, erklärt Christoph Baumert, Geschäftsführer der Gütegemeinschaft Stahlschutzplanken: „Diese Unterfahrschutzelemente werden anders als die Stahlschutzplanken schwingend aufgehängt. Sie geben also nach, wenn etwas oder jemand dagegen prallt, verhindern aber gleichzeitig das Durchrutschen.“ Im Notfall können die Unterfahrschutzelemente also Leben retten.

Auch er würde sich wünschen, dass Bund und Land bei Erneuerungen von Leitplanken gleich auch die Unterfahrschutzelemente einbauten. „Das würde nur ein Bruchteil von dem kosten, was man jetzt dafür zahlen muss, weil Genehmigungen eingeholt und Straßensperrungen errichtet werden müssen.“ Statt bei Nachrüstung etwa 100 Euro für den laufenden Meter könnte der Neubau 30 Euro kosten, sagt Baumert.

An einer der insgesamt zwei Kurven der L409, wo die Straßenmeisterei an diesem Vormittag die neuen Elemente anbringt, führt hinter der Leitplanke eine steile Böschung hinab in die Botanik. Ein Mensch, der hier verunfallt und ohne das zusätzliche Element einfach hindurchrutschen würde, könnte den Sturz kaum überleben. Doch nicht nur an Böschungen sei der Unterfahrschutz sinnvoll, erklärt Schwill.

Seit 23 Jahren kämpft sie mit ihrer gemeinnützigen Organisation „MehrSi“ (Mehr Sicherheit für Biker) dafür, Unfallschwerpunkte sicherer für Kradfahrer zu machen. „Ich habe selber Freunde verloren und habe eine Freundin, die schwerstamputiert ist, weil sie bei einem Motorradunfall gegen die Stützpfosten unter der Leitplanke flog. Ihr Körper wurde dabei an der Seite regelrecht rasiert.“ Solche Pfosten werden in Wermelskirchen mit Schaumstoffprotektoren ausgerüstet, um eben diese schlimmen Verletzungen zu verhindern. Ein Durchrutschen verhindern sie aber nicht.

Schwill, die selbst keine Motorradfahrerin ist, gründete den Verein „MehrSi“, der mittlerweile zu einer gemeinnützigen GmbH gewachsen ist und finanziell dabei unterstützt, Leitplanken in ganz Deutschland mit lebensrettenden Unterfahrschutzelementen nachzurüsten. Am liebsten wäre es ihr, dass diese Elemente baulich vorgeschrieben wären. „Aber solange das nicht ist, setzen wir uns dafür ein und bauen nach und nach aus“, sagt sie.

2003 / 2004 wurde das erste Unterfahrschutzelement an der L165 bei Euskirchen eingebaut – ohne vorhandene Genehmigung und auf Verantwortung des damaligen Niederlassungsleiters des Landesbetriebes für Straßenbau in Euskirchen, Helmut Nikolaus. „Es hat damals jemanden gebraucht, der mutig war“, sagt Schwill. „Er hat den Grundstein gelegt und ‚MehrSi‘ hat durch Unterstützer und Spender die ersten Unterfahrschutzelemente mit 1000 Euro bezuschusst – für die 1000 Motorradfahrer, die jährlich ums Leben kommen.“ In Wermelskirchen-Hülsen hat die Organisation insgesamt 10.000 Euro für zwei Kurven mit einer Länge von jeweils 120 Metern bereitgestellt.

Mittlerweile hat „MehrSi“ mehrere Tausend Kurven in ganz Deutschland für rund vier Millionen Euro nachgerüstet und für ein bisschen mehr Sicherheit auf den beliebten Motorradstrecken gesorgt – aus tiefster Überzeugung, wie Schwill deutlich macht. Sie sei zu Beginn mit dem Vorwurf konfrontiert worden, durch solche Schutzelemente zur Raserei beizutragen. Doch Schwill hält dagegen.

„Durch das Unterfahrschutzelement wirkt die Straße schmaler, wodurch die Motorradfahrer tendenziell langsamer fahren“, erklärt die Vereinsgründerin. Außerdem betont sie: „Auch ein Fahrfehler muss verziehen werden.“ Bei Autofahrern würden diese häufig nur zu Blechschäden führen. „Die Knautschzone eines Motorradfahrers ist allerdings der eigene Körper, und wenn da ein Fahrfehler passiert, dann fliegt man schnell gegen die Leitplanke“, sagt Schwill.

 

INFO: MehrSi und Gütegemeinschaft

MehrSi Die gemeinnützige Organisation unterstützt aus Förderbeiträgen und Spendenmitteln die Nachrüstung von Unterschutzelementen für Leitplanken. Die Summe des jährlichen Förderbeitrags ist frei wählbar; eine gewerbliche Fördermitgliedschaft mit Logo und Verlinkung ist ab 400 Euro möglich.

Link: Rheinische Post "Auch ein Fahrfehler muss verziehen werden"

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